Änderung des Heizungsgesetzes: Eine ökonomische Bewertung

Die Debatte um die Änderung des Gebäudeenergiegesetzes wird häufig als technologiepolitische Richtungsentscheidung interpretiert: Elektrifizierung durch Wärmepumpen oder Öffnung für erneuerbare Gase und synthetische Energieträger. Aus ökonomischer Perspektive stellt sich die Frage jedoch anders. Es geht nicht um die „richtige“ Technologie, sondern um Systemkosten, Knappheiten und Risikostrukturen in einem komplexen Transformationsprozess.

Der tatsächliche Ausbaupfad beim Strom

Deutschland deckt inzwischen etwas mehr als die Hälfte seines Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien. Dieser Fortschritt ist das Ergebnis von über zwei Jahrzehnten intensiver Förderung und erheblicher Investitionen. Um allein den heutigen Strombedarf vollständig erneuerbar zu decken, müssten die bestehenden Kapazitäten mindestens noch einmal verdoppelt werden. Damit ist die eigentliche Herausforderung noch gar nicht berücksichtigt: Zusätzlicher Strombedarf entsteht durch Elektromobilität, Wärmepumpen, Rechenzentren und die Elektrifizierung industrieller Prozesse. Realistisch betrachtet bedeutet das, dass die erneuerbare Stromerzeugung nicht nur verdoppelt, sondern deutlich darüber hinaus ausgebaut werden müsste. Die Wärmewende ist damit keine isolierte Gebäudefrage, sondern verschärft unmittelbar die ohnehin ambitionierten Ausbauanforderungen im Stromsystem.

Wärmebedarf ist nicht gleich Stromerzeugungsprofil

Hinzu kommt eine strukturelle Besonderheit des Wärmemarktes: Wärme wird vor allem im Winter benötigt – und innerhalb des Tages insbesondere morgens und abends sowie in der Nacht. Genau in diesen Zeiträumen steht Solarstrom nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. Eine stark elektrifizierte Wärmewende erhöht daher die saisonale und tageszeitliche Diskrepanz zwischen Stromangebot und -nachfrage. Das System muss dann entweder über massive Speicherlösungen, Backup-Kapazitäten oder zusätzliche gesicherte Leistung verfügen. All diese Optionen sind investitionsintensiv und erhöhen die Gesamtsystemkosten. Die reine Betrachtung von Jahresstrommengen greift deshalb zu kurz. Entscheidend ist die Frage, ob das Stromsystem die erforderlichen Leistungen auch in kalten, dunklen Winterperioden zuverlässig bereitstellen kann – und zu welchen Kosten.

Fläche als knapper Produktionsfaktor

Der massive Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung ist zudem flächenintensiv. In einem dicht besiedelten Industrieland wie Deutschland ist Fläche ein knapper Produktionsfaktor. Windenergie an Land, Freiflächen-Photovoltaik, Netzinfrastruktur und Speicheranlagen stehen in Nutzungskonkurrenz mit Landwirtschaft, Naturschutz, Siedlungsentwicklung und Infrastrukturprojekten.

Diese Nutzungskonkurrenzen erhöhen Planungs- und Genehmigungskosten, verlängern Projektlaufzeiten und steigern Investitionsrisiken. In ökonomischer Terminologie bedeutet dies: Die Grenzkosten zusätzlicher erneuerbarer Stromerzeugung steigen mit zunehmendem Ausbaugrad. Wenn der Wärmebedarf weitgehend elektrifiziert wird, verstärkt sich dieser Flächendruck weiter.

Effizienzargumente im internationalen Kontext

Häufig wird – mit dem Zusatz „Das ist Physik“ – darauf verwiesen, dass die Umwandlung von Strom oder Biomasse in synthetisches Gas oder Öl mit Effizienzverlusten verbunden ist. Das ist technisch korrekt. Die direkte Nutzung von Strom – etwa über Wärmepumpen – ist energetisch effizienter. Diese Betrachtung blendet jedoch den Standortfaktor aus. Erneuerbare Gase oder synthetische Energieträger müssen nicht zwingend in Deutschland produziert werden. In Regionen mit sehr hohen Wind- oder Solarvolllaststunden und großen verfügbaren Flächen können erneuerbare Energien zu deutlich niedrigeren Kosten erzeugt werden als in Mitteleuropa. Höhere Volllaststunden senken Kapitalkosten pro Kilowattstunde und können die Umwandlungsverluste kompensieren. Entscheidend ist daher nicht allein der physikalische Wirkungsgrad, sondern die gesamtwirtschaftlichen Systemkosten – einschließlich Flächenknappheit, Netzausbau, Speicherbedarf und saisonaler Ausgleichsmechanismen – das ist Ökonomie.

Risikodiversifikation statt Monostrategie

Sowohl beim Strom als auch bei erneuerbaren Gasen bestehen Unsicherheiten hinsichtlich künftiger Preise, Verfügbarkeiten und Infrastrukturentwicklung. Eine Strategie, die nahezu ausschließlich auf zusätzliche Elektrifizierung setzt, erhöht die Abhängigkeit vom inländischen Stromausbau und dessen Akzeptanz- und Flächenrestriktionen. Eine technologieoffene Ausgestaltung kann aus ökonomischer Sicht als Form der Risikodiversifikation verstanden werden. Unterschiedliche Energieträger, unterschiedliche Erzeugungsstandorte und unterschiedliche Infrastrukturen verteilen Transformationsrisiken breiter im System.

Fazit

Die Änderung des Heizungsgesetzes sollte daher nicht als Abkehr vom Klimaschutz interpretiert werden, sondern als Versuch, die Wärmewende systemökonomisch robuster zu gestalten.Bereits für die vollständige Deckung des heutigen Strombedarfs wäre eine Verdopplung der erneuerbaren Kapazitäten erforderlich. Eine zusätzliche starke Elektrifizierung von Wärme und Verkehr verschärft diese Herausforderung erheblich – insbesondere angesichts des saisonalen Wärmebedarfs im Winter und der fehlenden Solarproduktion in der Nacht. Die zentrale Frage lautet daher nicht, welche Technologie isoliert betrachtet am effizientesten ist, sondern welcher Transformationspfad langfristig Versorgungssicherheit, Kosteneffizienz und gesellschaftliche Akzeptanz miteinander vereinbaren kann.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert